Hans Joachim Günther
Seit 1929 ist Hanno Günther Mitglied der Jungpioniere und baut in einem Neuköllner Hinterhof einen Kinderclub auf. Nach der „Gleichschaltung” der Rütli-Schule durch die Nationalsozialisten wechselt er auf die Schulfarm Insel Scharfenberg, um dort das Abitur machen zu können. Aus politischen Gründen muss er die Schulfarm verlassen und beginnt 1936 eine Bäckerlehre.
Während dieser Zeit lernt er die Kommunistin Elisabeth Pungs kennen. Zusammen mit ihr stellt Hanno Günther nach dem deutschen Sieg über Frankreich die Flugblattserie „Das freie Wort” her. Darin verbreiten sie Nachrichten über die Kriegslage, verlangen Frieden und Meinungsfreiheit und fordern Rüstungsarbeiter zur Sabotage auf. Später bildet Hanno Günther zusammen mit ehemaligen Schülerinnen und Schülern der Rütli-Schule einen Widerstandskreis.
Am 2. April 1941 wird Hanno Günther zur Wehrmacht eingezogen, jedoch am 28. Juli von der Gestapo festgenommen. Am 9. Oktober 1942 wird er gemeinsam mit seinen Freunden Wolfgang Pander, Bernhard Sikorski, Emmerich Schaper und Alfred Schmidt vom „Volksgerichtshof” zum Tode verurteilt und am 3. Dezember in Plötzensee ermordet.
Dokumente
Gefangenenkarte von Hans Joachim Günther
Landesarchiv Berlin A Rep 369 Kartei
Urteil des „Volksgerichtshofs” gegen Hans Joachim Günther, Wolfgang Pander, Bernhard Sikorski, Emmerich Schaper, Alfred Schmidt-Sas und Dagmar Petersen, 9. Oktober 1942
Privatbesitz
Stellungnahme der Gestapo zu den Gnadengesuchen von Hans Joachim Günther, Wolfgang Pander, Bernhard Sikorski, Emmerich Schaper und Alfred Schmidt-Sas, 28. Oktober 1942
Bundesarchiv R 3017/2719
Hans J. Günther
Liebe Mutter,
wenn Du diesen Brief erhältst lebe ich nicht
mehr auf dieser Welt. Ich hoffe und wünsche
von ganzem Herzen, daß Du diese Nachricht eben so ruhig und gefaßt aufnimmst, wie ich heute mittag die Mitteilung meiner heute abend zu vollziehenden Hinrichtung entgegennahm. Sei überzeugt, daß ich bis zum letzten Augenblick mich in der Gewalt haben werde und ich erwarte fest, daß auch Du nicht und niemals, was auch kommen mag, anzweifeln wirst!
Du schriebst einmal, wir zwei bilden eigentlich
eine Einheit, und dies ist mein unverbrüchlicher
Glaube: Diese Verbundenheit kann nun auf
ewig nicht mehr getrennt werden! Bei unver-
dorbenen Völkern herrscht der schöne Glaube,
daß man nach seinem Tode in den Schoß der Mutter zurückkehrt, dies habe ich, wenn auch in übertragenem Sinne, zu meinem Glauben ge-
macht. Denn sieh, wenn es eine überirdische Macht gibt, so sind wir doch alle nur Ausdrucksformen Gottes, mit unserem Tode vereinigen wir uns also wieder mit unserm Ursprung – der eine früher, der andere später – und so sind also auch wir von nun ab wieder untrennbar vereint. Leben und Tod sind ja schließlich nur menschliche Begriffe und wenn ich nun von einem ins andere wechseln soll, so ist dies ja nur ein Wechsel der Form und nicht des Inhalts, wir haben eben alle hier auf Erden eine Aufgabe zu erfüllen, deren Sinn uns dunkel bleibt. Meine Aufgabe ist nun erfüllt und so komme ich zu Dir zurück! Dir aber wünsche ich, daß Dir noch in einem recht langen Leben recht viel Gutes und Schönes beschert werde und daß Du Dir Deinen Lebensmut und Deine Lebensfreude nie rauben läßt und daß Du dereinst genau so ruhig und zuversichtlich den unvermeidbaren Gestaltwechsel vollbringst wie ich ihn zu vollbringen hoffe!
Gleichzeitig schreibe ich einen Brief an Vater den Du Dir bitte auch zeigen lassen möchtest.
Herzlichste Grüße an Dich, Paul, alle Verwand-
ten und Bekannten besonders auch an Daggi
auf immer von
Eurem Hanno
Abschiedsbrief von Hanno Günther an seine Mutter, 3. Dezember 1942
Bundesarchiv R 3018/1705
Bekanntmachung der Hinrichtung von Hanno Günther, 3. Dezember 1942
Bundesarchiv R 3018/1705



























