Hans Joachim Günther

12. Januar 1921, Berlin – 3. Dezember 1942
Hans Joachim Günther

Hanno Günther

Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Hans Joachim „Hanno” Günther besucht ab 1928 eine bekannte Reform­schule, die Rütli-Schule, in Berlin-Neukölln. Diese Schule gilt als fort­schrittlich, die Prügel­strafe wird dort grund­sätzlich abgelehnt und den Schülerin­nen und Schülern viel Spielraum für die geistige Entfaltung gelassen.
Seit 1929 ist Hanno Günther Mitglied der Jung­pioniere und baut in einem Neuköllner Hinter­hof einen Kinder­club auf. Nach der „Gleich­schaltung” der Rütli-Schule durch die National­sozialisten wechselt er auf die Schulfarm Insel Scharfen­berg, um dort das Abitur machen zu können. Aus politischen Gründen muss er die Schul­farm verlassen und beginnt 1936 eine Bäcker­lehre.
Während dieser Zeit lernt er die Kommu­nistin Elisabeth Pungs kennen. Zusammen mit ihr stellt Hanno Günther nach dem deutschen Sieg über Frank­reich die Flug­blatt­serie „Das freie Wort” her. Darin verbrei­ten sie Nach­richten über die Kriegs­lage, verlangen Frieden und Meinungs­freiheit und fordern Rüstungs­arbeiter zur Sabotage auf. Später bildet Hanno Günther zusam­men mit ehemaligen Schülerin­nen und Schülern der Rütli-Schule einen Wider­stands­kreis.
Am 2. April 1941 wird Hanno Günther zur Wehr­macht eingezogen, jedoch am 28. Juli von der Gestapo fest­genom­men. Am 9. Oktober 1942 wird er gemein­sam mit seinen Freunden Wolfgang Pander, Bernhard Sikorski, Emmerich Schaper und Alfred Schmidt vom „Volksge­richtshof” zum Tode verurteilt und am 3. Dezember in Plötzensee ermordet.

Dokumente

Gefangenenkarte von Hans Joachim Günther

Landesarchiv Berlin A Rep 369 Kartei

Urteil des „Volksgerichtshofs” gegen Hans Joachim Günther, Wolfgang Pander, Bernhard Sikorski, Emmerich Schaper, Alfred Schmidt-Sas und Dagmar Petersen, 9. Oktober 1942

Privatbesitz

Stellungnahme der Gestapo zu den Gnadengesuchen von Hans Joachim Günther, Wolfgang Pander, Bernhard Sikorski, Emmerich Schaper und Alfred Schmidt-Sas, 28. Oktober 1942

Bundesarchiv R 3017/2719

Berlin-Plötzensee, 3. Dezember 1942
Hans J. Günther


Liebe Mutter,
wenn Du diesen Brief erhältst lebe ich nicht
mehr auf dieser Welt. Ich hoffe und wünsche
von ganzem Herzen, daß Du diese Nachricht eben so ruhig und gefaßt aufnimmst, wie ich heute mittag die Mitteilung meiner heute abend zu vollziehenden Hinrichtung entgegennahm. Sei überzeugt, daß ich bis zum letzten Augenblick mich in der Gewalt haben werde und ich erwarte fest, daß auch Du nicht und niemals, was auch kommen mag, anzweifeln wirst!
Du schriebst einmal, wir zwei bilden eigentlich
eine Einheit, und dies ist mein unverbrüchlicher
Glaube: Diese Verbundenheit kann nun auf
ewig nicht mehr getrennt werden! Bei unver-
dorbenen Völkern herrscht der schöne Glaube,
daß man nach seinem Tode in den Schoß der Mutter zurückkehrt, dies habe ich, wenn auch in übertragenem Sinne, zu meinem Glauben ge-

macht. Denn sieh, wenn es eine überirdische Macht gibt, so sind wir doch alle nur Ausdrucksformen Gottes, mit unserem Tode vereinigen wir uns also wieder mit unserm Ursprung – der eine früher, der andere später – und so sind also auch wir von nun ab wieder untrennbar vereint. Leben und Tod sind ja schließlich nur menschliche Begriffe und wenn ich nun von einem ins andere wechseln soll, so ist dies ja nur ein Wechsel der Form und nicht des Inhalts, wir haben eben alle hier auf Erden eine Aufgabe zu erfüllen, deren Sinn uns dunkel bleibt. Meine Aufgabe ist nun erfüllt und so komme ich zu Dir zurück! Dir aber wünsche ich, daß Dir noch in einem recht langen Leben recht viel Gutes und Schönes beschert werde und daß Du Dir Deinen Lebensmut und Deine Lebensfreude nie rauben läßt und daß Du dereinst genau so ruhig und zuversichtlich den unvermeidbaren Gestaltwechsel vollbringst wie ich ihn zu vollbringen hoffe!
Gleichzeitig schreibe ich einen Brief an Vater den Du Dir bitte auch zeigen lassen möchtest.
Herzlichste Grüße an Dich, Paul, alle Verwand-
ten und Bekannten besonders auch an Daggi
auf immer von
Eurem Hanno

Abschiedsbrief von Hanno Günther an seine Mutter, 3. Dezember 1942

Bundesarchiv R 3018/1705

Bekanntmachung der Hinrichtung von Hanno Günther, 3. Dezember 1942

Bundesarchiv R 3018/1705

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