Helmut Himpel

14. September 1907, Schönau – 13. Mai 1943
Helmut Himpel

Helmut Himpel

Privatbesitz

Helmut Himpel studiert zunächst Elektro­technik und später Zahn­medizin in Freiburg und München. In Freiburg lernt er seine spätere Lebens­gefährtin Maria Terwiel kennen, die er wegen der NS-Rassen­gesetz­gebung nicht heiraten darf.
Als Zahn­arzt unterstützt er vom Regime Verfolgte me­dizinisch und nutzt seine Beziehungen, um Menschen vor dem Front­einsatz zu bewahren.
Zur Roten Kapelle stoßen Himpel und Terwiel über den Kontakt zu Harro Schulze-Boysen und John Graudenz spätestens 1940. Sie beteiligen sich an der Verbreitung von Flug­schriften und gewinnen den Pianisten Helmut Roloff als Mitstreiter.
Nach der Enttarnung der Gruppe wird Helmut Himpel am 17. September 1942 festge­nommen und am 26. Januar 1943 vom Reichs­kriegs­gericht zum Tode verurteilt. Helmut Himpel wird am 13. Mai 1943 in Plötzensee ermordet.

Dokumente

Feldurteil des Reichskriegsgerichts gegen Schulze-Boysen, Harnack und andere, 19. Dezember 1942

Militärhistorisches Archiv, Prag

11. Mai 1943.

Liebe Ursel, lieber Gerd!
Gestern war ein glücklicher Tag. Die ganze Zeit, aus undefinierbaren Gründen, war ich fabelhaft aufgelegt. Zudem waren gestern auch einige der Herren Pastoren bei uns zu Besuch, u. so gehen die Stunden schneller. Auch fühlt man sich durch den guten Willen, der allein schon aus den Besuchen spricht, so gehoben, daß allein dadurch ein freundlicher Schein auf den Tag fällt. Ach so, ich sage: wir. Seit einigen Tagen habe ich nämlich wieder einen Kameraden, - der medicus rusticanus ist vor 3 Wochen abgereist -. Ihr werdet staunen, er ist ein kathol. Geistlicher aus Malmedy! Oft denke ich an Pascals Ausspruch (Mimi schrieb ihn mir mal), wo er sagt, dass bestimmte Begegnungen Schicksal seien! So auch hier. Ihr glaubt kaum, wie glücklich ich über diese Begegnung bin. Viele, sehr viele Fragen, die mich seit langem bewegen, konnten früher wegen „Zeitmangels“ (im Grunde eine lächerliche Ausrede) nicht mit den entsprechenden Leuten besprochen; Euer Vater z.B. hätte über das Meiste authentische Auskunft geben können. Hier oder in Spandau die Geistlichen mit derartigen Dingen zu bemühen, ging auch nicht an. Und nun habe ich einen rat- u. maßgebenden Mann Tag für Tag hier. Das ist beinahe mehr, als ich vom lieben Gott zu bitten wagte. Aber abgesehen vom fachlichen, ist er auch sonst ein feiner Mann; sehr belesen, gereist, musikalisch u. dabei absolut nicht einseitig oder gar eifernd. Persönlich sehr ruhig u. kaum zu spüren.

Kurzum: kaum möglich, sich einen besseren Kumpan auszudenken. - So bin ich also auch im Stande, Dir mit gutem Gewissen beizupflichten, in Bezug auf das „körperliche“ Problem. Tatsächlich scheint auch mir der gute alte Sokrates wesentlich über’s Ziel zu schießen, wenn er den Körper geradezu als Ballast bezeichnet. Die Wahrheit wird auch hier, wie so oft, genau in der Mitte liegen. Nehmen wir uns also ruhig ein Stückchen von Herrn Epikur dazu, so werden wir in der Synthese dahinkommen, wohin die ecclesia catholica kommt, wenn sie von der Auferstehung des Leibes spricht. Denn schliesslich ist uns diese Hülle vom lieben Gott bestimmt nicht nur als notwendiges Uebel gegeben worden, wie auch alle die anderen Dinge, die das Leben verschönen, nicht nur als Versuchungen uns geschaffen sind. So sind also Künste u. Wissenschaften, Musik u. Theater, gutes Essen u. reinliche, schöne Kleidung zwar sicherlich für das Jenseits entbehrliche, ja sogar höchst überflüssige Dinge. Trotzdem bin ich überzeugt, dass sie uns gegeben sind, dass wir sie geniessen, so gut als möglich, ohne an unserer Seele Schaden zu nehmen. Das vielmehr halte ich für entscheidend, dass man Abstand zu diesen Dingen hat u. sich ihres „Wertes“ wohl bewusst ist. Man muss das alles entbehren können, wenn man es nicht haben kann, sich dessen aber freuen, so man in seinem Besitz ist, und auch mit Freuden wieder darauf verzichten, wenn es von einem genommen wird. So ist’s mit den Dingen, so ist’s mit dem Körper. Freilich ist man Mensch genug, nicht gerade Freude zu empfinden, wenn dieser einem genommen wird, und auch wieder Philosoph (- u. gläubig -) genug zu entsagen ohne

Hader! 12.5.// Z. Zt. lese ich ein wunderbares Buch: Die Kirche Christi, von Pater Lippert (S.J.), Herder Frbg. Das ist ein Buch in dem Du, lb. Gerd, alles das findest, was vielleicht noch unklar ist. Sicher ist es auch authentisch u. massgebend. Ich studiere es mit viel Freude u. Interesse. Ein anderes (aus protestantischer Sicht) gutes Werk hab‘ ich da: Deutschland innerhalb der religiösen Weltlage, v. Heinrich Frick (D. Dr. Prof. theol.) Verl: A. Töpelmann Bln. Da sind vor allem wunderschöne Vorschläge zur guten Lösung d. Problems Kirche-Staat. Ob diese allerdings nach Kriegsende noch nötig sein werden in dieser Form? Interessant ist mir vor allem, dass der Verfasser im Hauptpunkt fast völlig genau Goethe’s Programm (aus Wilhelm Meister’s Wanderjahre II. Buch., Kap. 1.2.) der pädagogischen Provinz propagiert. Lies beide, wenn möglich; dann will ich sehen, ob auch Du zu der Ueberzeugung kommst, dass, wie dort so hier, die Synthese der möglichste Weg sei. Wäre ich ein großer Geist mit Einfluss in der religionspolitischen Sphäre, ich wollte all meine Kraft in dieser Richtung geltend machen. Glaubst Du, dass Leibniz oder Spinola, Bossuet oder d’Arnault kleine Geister waren? Und deren vornehmlichster Wunsch war, die beiden Konfessionen wieder unter ein Dach zu bringen. In letzter Zeit habe ich soviele schöne Beweise der Verständigungsbereitschaft erhalten u. höre jeden Tag von meinem Leidensgefährten, wie sehr sich von der andern Seite auch die Gegensätze mindern, dass ich Hoffnung habe. Frage mal D. oben danach. Das wäre wirklich ein guter Erfolg unserer Zeit, wenn sie nur dies eine erreichte durch ihre Religionsgegnerschaft. (Da fällt mir wieder Goethe ein, Faust; Mephisto - ich bin ein Teil von jener Kraft …‘)
13. Mai 1943.
Grüßt Alle Freunde von mir.
Dir, liebes Urselchen u. Dir, lieber Gerd, kurz
vor dem Abreisen viele liebe Grüße!
Immer Euer Helmut.

Abschiedsbrief von Helmut Himpel an seine Schwägerin Ursula und deren Mann Gerd Terwiel, 11. Mai 1943

Privatbesitz

Sterbeurkunde von Helmut Himpel vom 14. Mai 1943

Ancestry, Archiv zur Ahnenforschung

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