Kurt Klein

2. Oktober 1896, Boizenburg – 13. Oktober 1939
Kurt Klein

Kurt Klein in seiner Werkstatt

Jehovas Zeugen, Archiv Zentraleuropa

Kurt Klein erlernt nach dem Besuch der Volksschule wie sein Vater den Beruf des Glasers. Er nimmt am Ersten Weltkrieg teil und arbeitet anschließend in der elterlichen Werkstatt. In den 1920er Jahren schließt er sich der Glaubensgemeinschaft der Ernsten Bibelforscher (ab 1931 Zeugen Jehovas) an. 1927 heiratet er Ida Mietz mit der er das elterliche Geschäft in Boizenburg führt und den Pflegesohn Bruno aufzieht.
Anfang September 1939 erhält Kurt Klein die Einberufung zur Wehrmacht. Er verweigert aus religiösen Gründen den Militärdienst und wird daraufhin in Haft genommen.
Bereits kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen ist am 26. August 1939 die „Kriegssonderstrafrechts­verordnung” in Kraft getreten, nach der die Verweigerung des Militär­dienstes als „Zersetzung der Wehrkraft” geahndet und mit dem Tode bestraft werden kann.
Kurt Klein wird am 21. September 1939 vom Reichs­kriegsgericht zum Tode verurteilt und am 13. Oktober im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee ermordet.

Dokumente

Gefangenenkarte von Kurt Klein

Landesarchiv Berlin A Rep 369 Kartei

Kurt Klein mit seiner Frau Ida und ihrem Pflegesohn Bruno

Jehovas Zeugen, Archiv Zentraleuropa

Name des Briefschreibers:
_______Kurt Klein__________
Berlin-Plötzensee, den 13.10.1939
Königsdamm 7
Haus III

Mein süßer Liebling! Jetzt ist es soweit.
Jetzt ist es Nachts um 2. Um 610 werde ich hingerichtet. Wie freue ich mich, daß ich von Dir noch 3 Briefe bekommen habe. Vor allem will ich Dir sagen, daß ich alles gut ertragen habe. Die 6 Wochen habe ich keine Schmerzen gehabt. Nur meine Stimme ist heiserer geworden. Vielleicht weil ich so wenig sprechen konnte. Na nun ist es ja bald alles vorbei. Ich habe mich erkundigt. Du brauchst nichts zu bezahlen. Also verkaufe ruhig alles u. mach Dir’s damit gemütlich den Winter über. Ich bitte Dich, wenn Du zu Wilhelm gehen willst, tu es dann ruhig bald. Wenn Du von dort aus Boizbg. weg bist, kann es allen gleich sein, wo Du bleibst. Mein Ring wird Wilhelm wohl passen. Sonst geht er auch weiter zu machen. Nein, mein Liebling.
Dem Wilhelm gönne ich Dich u. ihn Dir von ganzem Herzen. Doch Du sollst darüber volle Freiheit behalten.

Vor allem (Du weiß ja, wie ich bin) bitte ich
Dich. Zieh‘ keine Trauerkleider an. Du sollst
für alle weiterhin als Sonnenschein umhergehen. Mein Grab wirst Du nicht finden. Du sollst es auch nicht. Du sollst ganz frei sein. Ich weiß daß ich nirgends besser einen Erinnerungsaltar haben kann, als in Deinem guten reinen Herzen. Dann könnt Ihr auch wohl den Garten verkaufen. Aber schließlich müßt Ihr das nun selbst mit Euch abmachen. Ich schreibe an Frieda, daß sie die Sachen hier abholt. Meine Gabel sollst Du als Erinnerung an mich benutzen. Es steht noch ein Gruß darauf. Das schönste, was mir noch passieren konnte, war Dein lieber Besuch. Es waren Freudentränen. Liebling, mein Süßen, denk‘ nicht, daß ich irgendwie unglücklich bin. Nein, mein Weg ist mir nicht leid. Ich sterbe gerne, weil Jehova es so zuläßt. Er weiß, wie er alles zu lenken hat.
Aber Er wird einmal dafür Verantwortung
fordern. Doch das ist jetzt nicht meine Sache.
Ich sterbe ungebrochen in keiner Weise
beengt. Gottes Gesetz geht mir über alles.
Und wenn meine große Hoffnung mich

nicht trügt, werde ich von droben Dein
Geschick besser leiten können, als von hier.
Ich bin’s schon zufrieden. Hätte ich vielleicht
10 od. 20 Jahre Zuchthaus bekommen. Das wäre für uns beide viel schlimmer. Am Leben zu sein u. doch begraben. Es wird ein großer Schmerz für Dich u. alle Lieben sein. Aber die Zeit u. liebevolle Umgebung heilen die Wunden schon. Denke ich bin gefallen für die schönste Sache, die es gibt im Universum für
die Sache Gottes. Man macht mir das Leben diese Nacht noch recht gemütlich. Kann haben was mein Magen mag. Und mal schön warm ist mir. Mein liebes Frauchen. Ich muß Dir nochmals danken von ganzem Herzen, daß Du mir immer so eine treue u. verstehende Gefährtin warst. Du hast mir die Jahre unendlich verschönt. mit Deiner Liebe u. Deinem goldigen Wesen. Eine bessere Kameradin konnte ich überhaupt nicht finden. Daß Gott uns so wunderbar zusammengeführt hat, und uns so schön die Ehe gestaltet hat, dafür wollen wir ihm danken in Ewigkeit.
Vor allem mache Dir Römer 12, 12 zum Wahl-
spruch u. den Meinen nimm als Erbe Phil. 4, 4

Jetzt noch Grüße. Alle Namen aufzählen ist ja nicht möglich. Aber Fam. Wiepke u. Mutter Lüdke erstmal.
Und sie sollen mir nicht mehr böse sein. Schwampes, Marta, (Bruno! behalte Deinen Pflegevater in gutem Andenken u. sei Dein Leben lang zu Tante Ida recht lieb u. aufmerksam. Du weißt am besten was
Du an ihr hast u. werde ein Mann, der
das, was er für recht hält, auch tut. u. leb‘ wohl
mein Jung; Es tut mir leid, daß ich Euch allein
lassen muß, später wirst Du es auch verstehen.)
Grüß‘ Bucks, Heiser’s, Jennigkeits, Hans u. Käte, Fritz, Lina u. Familie, Bina u. ihren Mann. und alle, die mich da lieb hatten u. Wanda u. Mann u. Liesbeth u. Bruno. Von unsern Lieben Eltern hab‘ ich ja schon Abschied genommen. Bestelle also noch letzte Grüße an sie u. Lilli, Reinhold, Herta, Wilhelm, Großmutter, Christine Tante u. alle Kinder. Auch Onkel Adolf u. Marta, Olga u. wie alle die Verwandten noch heißen, Trude mit Jahn u. Jungens. Vor allem mein Süßen (Frau Schlie vergiß nicht) sei nicht lange traurig sondern freue Dich mit mir, denn ich bin am Ziel meines Glaubens u. hoffe in ein Paar Stunden zu schauen. Sei auch so tapfer.

Grüß‘ Wilhelm Streich u. seine Lieben.
Und wenn Mein süßes Mädchen sich Dir für‘s
Leben anvertraut mein lieber Wilhelm.
dann hab‘ sie lieb und ich weiß, daß
sie Dich dann auch lieben lernen wird. Daß
sie bei Dir in besten Händen ist, das
weiß ich. Wenn Ihr Euch einig werdet
[so nehmt denn] meinen Segen, den
ich Euch gerne gebe u. denkt mir gerne
und nicht so traurig an Euren Kurt.
So mein Süßen, jetzt muß ich schließen
für dies Leben. Ich will es kurz machen.
In Gedanken eine letzte Umarmung
einen letzten Kuß soooo lang und
mein letzter Gedanke wirst Du sein
u. behaltet alle in treuem Andenken
Dein Kurtchen

Abschiedsbrief von Kurt Klein an seine Frau Ida, 13. Oktober 1939

Jehovas Zeugen, Archiv Zentraleuropa

Sterbeurkunde von Kurt Klein vom 13. Oktober 1939

Ancestry, Archiv zur Ahnenforschung

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