Kurt Machler

8. Januar 1910, Berlin – 15. August 1942
Kurt Machler

Kurt Machler

Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Kurt Machler und sein zwei Jahre jüngerer Bruder Fritz sind in den letzten Jahren der Weimarer Republik auf der Suche nach politischer Orientierung. Sie besuchen Ver­samm­lungen der SPD, der KPD, aber auch der NSDAP. 1933 treten beide der SA bei, verlassen diese jedoch 1935 wieder. Kurt Machler wird zudem Mitglied der NSDAP, aus der er aber 1937 wegen „Interessen­losigkeit” ausge­schlossen wird. 1937 ordnet das Gesundheits­amt die Sterilisation Fritz Machlers wegen Schizo­phrenie an. Er versucht sich dieser Maßnahme zu entziehen, flieht, wird gefasst und im November 1938 zwangssterilisiert.
Kurt und Fritz Machler werden zu entschie­denen Geg­nern des National­sozialismus. Mit Streu- und Klebe­zetteln, die sie vornehmlich im Berliner Südosten, in den Bezirken Lichten­berg und Neukölln, im Zentrum und in der Gegend um den Schlesischen Bahnhof ver­breiten, prangern sie die NS-Diktatur an und wenden sich gegen den Krieg.
Bei einer dieser Aktionen werden sie am 10. August 1941 festgenommen. Am 12. Mai 1942 wird Kurt Machler vom 2. Senat des „Volks­gerichtshofs” wegen „Vorbe­reitung zum Hochverrat und Zersetzung der Wehr­kraft” zum Tode verurteilt und am 15. August 1942 in Plötzensee ermordet.
Sein Bruder Fritz wird freige­sprochen, jedoch wird seine Unter­bringung in der Heilanstalt Berlin-Wittenau ange­ordnet. Fritz Machler kann das Kriegsende überleben.

Dokumente

Gefangenenkarte von Kurt Machler

Landesarchiv Berlin A Rep 369 Kartei

Urteil des „Volksgerichtshofs” gegen Kurt und Fritz Machler, 12. Mai 1942

Bundesarchiv R 3017/33148

Kurt Machler.
Berlin-Plötzensee, den 14.8.1942.

I.

An Familie Machler.

Liebe Eltern! Liebe Großmutter und Gertrud!
Mir ist soeben mitgeteilt worden, daß mein Todesurteil
bestätigt worden ist, und ich demnach binnen weniger
Stunden zur Richtstätte geführt werde. Leider ist es mir
nicht mehr möglich gewesen, Euch noch einmal zu sprechen,
aber Ihr wißt ja, wie dankbar ich Euch allen sowie
unseren Bekannten für die herzliche Anteilnahme
bin und für die Versuche, mir zu helfen, wenn auch
letztere vergeblich waren. Obwohl alles hätte anders
kommen können, bin ich doch nicht traurig darüber,
denn auf jeden Fall werde ich dadurch von einer
langen Freiheitsstrafe bewahrt, und brauche auch mich
nie mehr von irgend jemandem terrorisieren lassen.
Ich sterbe in dem ruhigen Bewußtsein, daß ich
nichts zu bereuen habe, daß vielmehr alles, was
ich getan, Schicksalsfügung war, daß ich aber
vor dem Ärgsten bewahrt werde. Dadurch
wurde ich aufs Neue davon überzeugt, daß
unser Dasein nicht vom blinden Zufall

gleitet wird, daß vielmehr jedes Lebewesen,
auch wenn es ihm vielleicht zunächst nicht
zum Bewußtsein kommt, stets nur an Glück
oder Unglück das durchmachen muß, was
es verdient, und was für die Allgemeinheit
notwendig ist. Alles auf der Welt wird von
einem höheren Willen geleitet; den wir
Gott nennen, und der dafür sorgt, daß
zuletzt doch nur der siegen kann, dessen
Herz rein ist, oder der wenigstens den Will-
len hat, gerecht und anständig zu sein.
Liebe Eltern und Großmutter! Ich weiß, wie
gut Ihr es stets mit mir gemeint habt, und
daß Ihr mich bestimmt sehr vermissen
werdet. Tröstet Euch damit, daß ich, hätte
ich meine „Freiheit“ behalten, so hätte ich
höchstwahrscheinlich noch größeres Unglück
durchmachen müssen; denn dreist wäre ich
nicht zum Militär herangezogen wären, so
hätte ich doch zum Mindesten in irgendei-
nem Betrieb arbeiten müssen, und wie
ich Euch schon in einem meiner früheren
Briefe mitgeteilt habe, wäre das für
mich erst recht unerträglich gewesen.



Kurt Machler. Berlin-Plötzensee, den 14.8.1942.

I.

An Familie Machler. (Fortsetzung.)

Ohne im geringsten übertreiben zu wollen,
kann ich nur immer wieder betonen,
daß die Zeit, die ich auf dem Postamt 17
verbringen mußte, schlimmer war, als
die ich im Gefängnis verbracht habe. Denn
damals hat mir infolge der schlechten Luft
und sonstiger Begleiterscheinungen der
Arbeit der völlige physische Ruin gedroht,
vor dem ich nur durch meine Entlassung
bewahrt worden bin. Aber das größte
Übel war damals, daß ich überhaupt kei-
ne Anerkennung für meine Bemü-
hungen fand, sondern im Gegenteil
mir noch Verhöhnungen gefallen lassen musste:
„Es liege nur an mir, daß ich nichts besseres
gefunden hätte, und es sei unverständlich,
daß ein Abiturient als gewöhnlicher Arbeiter
sich beschäftigen lasse.“ Wäre mir eine Stel-
lung bewilligt worden, die meinen Fähig-


keiten entsprach, so hätte ich auch bei geringem Ver-
dienst nicht nur meine Pflicht getan, sondern
sogar ein Vergnügen darin gesehen, vollständig
in dieser Tätigkeit aufzugehen. Dann wäre
ich niemals auch nur im Traum auf den Gedan-
ken gekommen, mich gegen den Staat aufzulehnen,
was aber nun unvermeidlich wurde. Tröstet Euch,
liebe Eltern, Großmutter und Gertrud, Gott läßt nicht zu,
was verkehrt ist. Auch Christus mußte sterben, aber sei-
ne Religion hat die Welt erobert und wird alle Stürme
überstehen, was auch kommen mag. Wer an
den Jahrtausende alten Glauben festhält, der weiß,
und empfindet es immer wieder, daß hinter
allen Ereignissen Gott steht, auch wenn uns Schicksals-
schläge treffen, die wir zuerst nicht verstehen kön-
nen. Der Glaube daran und an die Lehren des
Weltherlandes Jesus Christus bieten einen sicheren
Halt im ganzen Leben, und Gott verläßt die Seinen
nicht. Das allein muß für jeden Menschen maß-
gebend sein. Lest im Römerbrief Kap. 8 Vers 31-39,
und hofft stets auf Gott, denn er hilft Euch auch
in der größten Not, und „bereitet Euch ein Tisch
im Angesicht Eurer Feinde“ und auch „im finsteren
Tal tröstet er Euch“, wie es im Psalm 23 heißt. Beste Grüße
an Euch alle und Wiedersehen in einer besseren Welt!
Euer Kurt.

Abschiedsbrief von Kurt Machler, 14. August 1942

Privatbesitz

Bekanntmachung der Hinrichtung von Kurt Machler, 15. August 1942

Bundesarchiv R 3017/33148

Sterbeurkunde von Kurt Machler vom 15. August 1942

Ancestry, Archiv zur Ahnenforschung

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