Ruth Oesterreich
Oesterreich gehört Ende der 1920er Jahre zur Gruppe kritischer Kommunisten, die den ultralinken Kurs der KPD und der Komintern ablehnen. Sie wird im Mai 1929 aus der KPD ausgeschlossen und verliert ihre Stellung in der sowjetischen Handelsvertretung. 1931 wird sie Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) und muss 1933 aus Deutschland emigrieren.
In Prag schließt sie sich der sozialistischen Gruppe „Neu Beginnen” an, arbeitet zeitweise für die von William Schlamm herausgegebenen „Europäischen Hefte” und findet später in Prag und Paris Arbeit bei den Gesandtschaften der spanischen Volksfrontregierung. Ruth Oesterreich sammelt wichtige, vor allem militärische Nachrichten aus Deutschland und leitet sie weiter.
Mitte Dezember 1939 zieht sie mit ihrer Tochter nach Brüssel und versucht illegale Flugschriften nach Deutschland einzuschleusen. Außerdem bemüht sie sich, weitere militärische Informationen über die Kriegsvorbereitungen aus Deutschland zu bekommen.
Ruth Oesterreich wird am 18. Februar 1943 vom 1. Senat des „Volksgerichtshofs” wegen „Vorbereitung zum Hochverrat, Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung” zum Tode verurteilt und am 25. Juni 1943 in Berlin-Plötzensee ermordet.
Dokumente
Gefangenenkarte von Ruth Oesterreich
Landesarchiv Berlin A Rep 369 Kartei
Todesurteil des „Volksgerichtshofs” gegen Ruth Oesterreich und Stephan Mathar, 18. Februar 1943
Bundesarchiv R 3018/17202
Ablehnung eines Gnadenerweises für Ruth Oesterreich und Stephan Mathar, 21. Mai 1943
Bundesarchiv R 3018/12700
Protokoll der Vollstreckung des Todesurteils gegen Ruth Oesterreich, 25. Juni 1943
Bundesarchiv R 3018/12700
Mein heissgeliebtes Kind, mein
Herzensruthlein! Heute habe
ich schon Deinen so lieben Brief
vom 23. Juni erhalten mit dem
Vers, der so passend kam. „Lächeln,
trotz Weh und tausend Schmerzen.“
Daraus siehst Du, dass ich gefasst
bin an diesem letzten Tage. Ich
habe auch noch einen schönen
Ausspruch gelesen, Huttens letzte
Worte „Deutschland ist dort, wo
starke Herzen sind“ Ich wünsche,
dass Du ein starkes Herz behältst.
Du sollst es Dir von Herzen weinen,
damit es keinen Krampf gibt,
aber dann das Herz in beide Deine
so lieben Hände nehmen. Das
wünsche ich mir und Du
wirst meinen Wunsch erfüllen.
Von mir brauche ich Dir nichts
zu schreiben. Wenn es doch nicht
sein sollte, ist es besser, wenn es
überstanden sein wird. Und
von Dir: ich mache mir um
Dich keine Sorgen. Du wirst Deinen
Weg gehen, tapfer und gewissen-
haft. Von Politik hast Du Dich
immer ferngehalten und wirst
es weiter tun; Stäubchen, Thomas,
Anni, Eva, Mädi und viele
andere werden Dir behilflich
sein und vielleicht wirst Du
bei ihnen leben, was ich mir
auch wünsche. Und ich bete,
dass Hans Dir treu zur Seite
bleibt. Vielleicht kommt dieser
Brief vor seinem Besuch, sodass
Du einen Trost haben wirst.
Du weißt, daß alle meine Ge-
danken bei Dir sind, mein
ganzes Herz. Dein Bild schicke
ich mit diesem Brief zurück,
mein letzter Kuss liegt darauf,
und eine Lindenblüte, die
ich heute aufgelesen habe, nach
dem ich so lange keinen Baum
gesehen hatte. -
Mein Tenerstes, ich muss
mich beeilen, weil ich erst
gezögert habe. Der Himmel be-
wahre Dich und bringe Dich heil
aus diesen Kriegswirren in eine
friedvolle und glücklichere
Zukunft. Deine so kindische
Motschi wirst Du nie vergessen.
Du sollst an alle glücklichen und
heiteren Stunden denken, die wir
zusammen gehabt haben, wie
ich heute voll Glück an unser
gemeinsames Leben denke.
Und Du wirst es auch ohne
Bitterkeit tun. So viel möchte
ich Dir noch sagen, aber Du
mußt es alles in Deinem Herzen
denken. Es ist ganz ehrlich:
ich bin nicht unglücklich,
weil ich so sicher an Deine Zu-
kunft und an Dein Glück
glaube. Alle Freunde, die dazu
beitragen werden, segne ich. Und
Hans besonders; wenn er Dir zur
Seite bleibt, als treuer Freund,
wenn es nicht anders möglich
ist.
Ruth, Du sollst immer wissen,
daß meine Gedanken bei Dir
sind und dass ich fest auf
Deine Kraft baue.
Ich küsse Dich innigst und
heiss mit der ganzen Kraft eines
starken Herzens,
In heißester Liebe, meine Ruth,
Deine
Mutschili.
Letzter Brief von Ruth Oesterreich an ihre Tochter, 25. Juni 1943
Archiv des Instituts für Zeitgeschichte ED 106-81-72 bis ED 106-81-75



























