Vladimír Plíška
Vladimír Plíška schließt sich nach der Errichtung des „Protektorats Böhmen und Mähren” dem Widerstand an und versucht, in Arbeiterkreisen ein Informationsnetzwerk aufzubauen. Er vermittelt zudem Vertrauensmänner aus Gemeinden und Industriebetrieben an die Obrana Náro­da (ON – Verteidigung der Nation), die unter anderem Informationen zur deutschen Waffenproduktion zur Verfügung stellen. Die ON ist eine geheime Organi­sation tschechoslowakischer Offiziere, die auf einen bewaffneten Umsturz und die Wiederherstellung der Tschechoslowakischen Republik zielt.
Der Vater zweier kleiner Kinder wird am 8. Januar 1941 festgenommen, am 10. Dezember 1942 vom „Volksgerichtshof” wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode verurteilt und am 20. Mai 1943 im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee ermordet.
Bereits im Oktober 1942 wurden seine Schwester Jarmila Faltová und ihre gesamte Familie im KZ Mauthausen erschossen, weil ihr Mann Jaroslav Falta einem der am Attentat auf Reinhard Heydrich beteiligten Fallschirmspringer falsche Arbeitspapiere ausgestellt hatte.
Dokumente
Gefangenenkarte des Strafgefängnisses Plötzensee von Vladimír Plíška
Landesarchiv Berlin A Rep 369 Kartei
Urteil des „Volksgerichtshofs” gegen Vladimír Plíška und weitere Personen vom 10. Dezember 1942
Bundesarchiv R 3017/14780
Vladimír Plíška
An den Herrn Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof
in Berlin W 9
Durch das Urteil des I. Senats des Volksgerichtshofs in Berlin vom
10. Dezember 1942 bin ich aus § 91 b StGB zum Tode verurteilt. Nach dem Urteilsaus-
spruche habe ich verschiedene Tatsachen entdeckt und verschiedene Umstände
erfahren, die meine vor der Geheimen Staatspolizei sowie vor dem Ermittelungsrichter
vertretene Behauptungen unterstützen und beweisen, und infolgedessen
meine Schuld in wesentlich anderes Licht stellen. Außerdem möchte ich mich
versuchen nachzuweißen, daß die Anklage gegen mich an irrtümlichen Voraus-
setzungen beruhte, sodaß ich mir die höfliche Bitte vorzutragen erlaube,
das an mir vom I. Senat des Volksgerichtshofes am 10. Dezember
1942 verhängte Todesurteil aufheben und ein neues Straf-
verfahren gegen mich anordnen zu wollen.
Dieses Gesuch gestatte ich mir durch zwei Gruppen von Beweisen zu
begründen, und zwar
A. - daß die Anklage gegen mich (Aktenzeichen 12 J 373/41g / 1. H. 297/42) an
irrtümlichen Gründen beruhte, und
B. - daß es neue, nach vollendeten Strafverfahren entdeckten
Tatsachen gibt, die zur Änderung der Annahme und des Umfanges meiner Straf-
tat fähig sind.
Zur A. - 1.) Die Anklage vermutete, daß die „Partei der nationa-
len Arbeit (Národní strana práce)“, die ich im Jahre 1938 nach Gründung des Zwei-Par-
teisystems in der ehemaligen Tschecho-Slowakischen Republik anschloß und in der
ich schließlich gar keine Rolle spielte, eine marxistisch orientierte sein sollte,
sodaß der Eindruck entstehen könnte, daß ich vielleicht zum Marxismus
Seite 2
angeneigt war, was natürlich durchaus falsch wäre. In Gegenteil, die „Partei
der nationalen Arbeit“, deran Programmsetzer der berühmte Antimarxist
Prof. Dr. Josef Macek war, war scharf und entschieden gegen den Marxismus ge-
richtet. In dieser Einsicht erlaube ich mir nachträglich schriftliche Fachäußerun-
gen der deutschen sowie tschechischen Sachkundigen vorzulegen, und ich bitte,
mir dazu eine Frist von 6 Wochen zu gewährleisten. - Daß nach der Auf-
hebung des alten Parteisystems auch viele ehemalige Marxisten zu der
Partei der nationalen Arbeit Anschluß suchten, ist eine andere Sache; es soll
mir nicht aber zu Lasten, sondern zu Gunsten gerechnet werden, daß ich, wenn
ich (noch vor Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren:) von einigen
jungen Anfänger der Partei der nationalen Arbeit (: Lausman, Nemec, Majer:)
aufgefordert wurde, an Bekämpfung dieser marxistischen Überreste teilzu-
nehmen, meine Mittarbeit versprach. Allein muß betont werden, daß
ich im meinen ganzen Leben keine Funktion in irgendeiner politischen
Partei oder Bewegung bekleidet habe. - Die erwähnte Bewegung der jun-
gen Anfänger der Partei der nationalen Arbeit mündete nach Errichtung des
Portektorats Böhmen und Mähren in den Kampf gegen die ehemaligen kon-
servativen Agrarparteiangehörigen - der (: soviel es mir bekannt ist:) jedoch
infolge Zeitmangel nicht entfaltet wurde, und schließlich bemühte sich, eine
neue nationale und sozialistische Partei (: siehe Protokolle mit Andrst:) - also
nicht marxistische - zu gründen. Aber schon im Juni 1949 - also 3 ½ Monate nach Er-
richtung des Protektorats Böhmen und Mähren - hörte auch diese Arbeit auf, und
am 6. Juli 1939 (: am Fuß-Fest :) habe ich den Lausman und Nemec am letztenmal gesehen.
2.) - Die Anklage rechnet mir zu Lasten, daß ich auf Gründung einer illega-
len sozialistischen Partei teilnehmen soll. Richtig sei es so, daß ich über die Vor-
bereitungen zur ihren Gründung sparlich informiert wurde, daß ich aber
während des Werdens des Protektorats Böhmen und Mähren an derselben gar nicht
arbeitete. Das geht klar aus dem Gerichtsprotokoll mit Frant. Andrst hervor, in-
dem er sich äußerte, daß er mich „Zeit von Zeit „informierte, daß die Vorarbeiten
an Gründung einer neuer nationalen und sozialistischen Partei gut vorwärts
gehen“. 3. - Die Anklage beruhte an der Annahme, daß meine Tätigkeit
deutschfeindlich war, und daß ich infolgedessen geistlich deutschfeindlich angestimmt
Seite 3.
(: Fortsetzung :)
An Herrn Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof
in Berlin W 9.
sei. In dieser Hinsicht bitte ich die zahlreichen Äußerungen, welche zu mei-
nem Gnadengesuch vom 30. Januar 1943 u. später beigefügt sind, nachzusehen.
Ich habe immer die beste Verbindung mit Deutschen erhalten, mit vielen Deutschen
Freundschaft abgeschloßen und für das deutsche Geistesleben die tiefste Bewunde-
rung und Erhrfurcht gehalten.
Zur B. - Nach Ausspruch des Urteils und während der bisherigen
Haft habe ich verschiedene neue Beweise (die unten angeführt sind) erfahren,
die für Annahme folgender Tatverlauf sprechen: Der Mitangeschuldigte Antonin
Kopecky (: in derselben Strafsache :), welcher mir früher unbekannt war, besuchte den Mit-
angeschuldigten Ant. Mikulastic aus Prag-Braunau, und dieser vermittelte die Bekannt-
schaft zwischen mir und Kopecky. Während dieser Unterredung - nachdem ich den Versuch
um Flucht in die Auslandslegion des Kopecky abgelehnt habe - hat sich mir der Kopecky bereit
erklärt, illegal zu arbeiten. Also nicht ich habe ihn angefordert, sondern er hat sich
selbst angeboten. Ich gab ihm eine Deckadreese „Vojtech Hrdina…“, die ich kurz vorher
von Andrst bekommen habe, mit der Anmerkung, daß ich mit solchen Sachen nichts zu tun
habe und haben will, aber daß er an diese Adresse einen Mann erreiche,
mit welchem er sich vielleicht verständigen kann. Beweis: Verhör von Ant. Mitulastic.
~ Nach einigen Monaten, als ich eine Berufsreise nach Pilsen machte, schloß sich
der Anrst mir an, und ich machte ihn mit Kopecky bekannt. Während der kurzen
Unterredung, die hauptsächlich zwischen Andrst und Kopecky geführt wurde, hat Kopecky
selber, von sich selbst, verschiedene Auskünfte vorgetragen, ohne von jemandem
dazu aufgefordert zu werden. Gegen die Behauptung, daß ich es vielleicht
war, der ihm Fragen stellte, spricht schon die klare Tatsache, daß Andrst der direkt
Seite 4
interessierte an der Sache war, dagegen ich nur als bloßer Bekanntschaftsvermittler
dem Gespräch beiwohnte. Später war ich in Pilsen nie, und die Behauptung Kopeckys, daß
ich noch einmal in Pilsen war, ist durch eindeutige Erklärung Andrsts (L siehe sein Gerichtspro-
tokoll :) widerlegt, dieses trägt nur zur richtigen Schätzung der Glaubwürdigkeit Kopeckys bei.
- Auch habe ich mit ihm keine Korrespondenz geführt. Seinen „Eindruck“, daß er mit mir Korres-
pondierte, hat er selber damit widerlegt, wenn er zugestehen hat, daß er mit Andrst verein-
bart hat, daß die für mich bestimmten eventuellen Bemerkungen mit der Anmerkung „für Vlada“ versieht.
(: Siehe Protokoll Kopeckys :) - Weiteres habe ich mich über ihm und über die ganze Sache gar
nicht gekümmert. Auch Andrst und sein Kreis war mit Kopeckys Tätigkeit nicht zufrieden
und hat die Verbindung mit ihm aufgehoben (: Siehe Protokoll Andrsts :). Aber Kopecky besorgte
sich in Pilsen alleine eine andere Verbindung (: Sieges, Pytlic etc :). Eines Tages schrieb
er nach Prag, daß er mit Chalonska am 6.X.1941 antreffe. Er hat also selber geschrieben.
Tatsächlich kam er mit Chalonska in den Frühstunden nach Prag an, warteten aber ver-
gebens an dem vom Kopecky bestimmten Treffpunkt. Ich hatte denselben Tag die Hauptversam-
mlung meines Verbandes der öffentlichen Angestellten (: [tschechisch] :), wo
ich Angestellte (Beamte) war, und deshalb mußte ich an derselben anwesend sein (: Siehe Meldung bei
der Prager Politzeidirektion :). - Verzweifelt über sein Mißglück, suchte er den Mitulas-
tic, der auch in Braunau wohnt (: in meiner Nachbarschaft :) auf, aber auch der war
nicht zu Hause. Endlich besuchte er seinen Bekannten, Herrn Dr. Ant. Klatowsky, auch in meiner
Nachbarschaft wohnend, und bat ihn um Verleihung des Geldes für die Rückreise, Er hat auch von
Dr. [?] 100.- K für die Rückreise bekommen., das war schon in den Spätnachmittagstunden.
Inzwischen kam ich nach Hause und ging - wie jeden Sonntag - nach Gasthaus in der Nachbarschaft.
Dort habe ich mit Herrn Redakteur Wenzel Fialka aus Prag-Braunau, und Herrn Dr. Klatasky,
gesessen und Schach gespielt. Da kamen Kopecky mit Chalrupka, der mir unbekannt war, haben
ca 10-20 Min. bei uns gesessen, und dann eilten sie nach Bahnhof.
- Natürlich habe ich mit ihnen kein landesverräterisches Gespräch geführt. - Neue Zeugen
für diese Tatsachen sind: 1.) Herr Dr. Ant. Klatowsky, Prag-Braunau,
2.) Herr Wenzel Fialka, ebenda, 3.) Polizeidirektion in Prag - über
meine Anwesenheit an der Hauptversammlung, 4.) die Mittätter Kopeckys,
Sieger, Pytlic und Kranz, über seine Glaubwürdigkeit. - Ich bitte nach alledem
das Urteil des I. Senats vom 10. Dezember 1942 aufheben und eine neue
Strafverfahren gegen mich anordnen zu wollen.
Mit vorzüglicher Hochachtung
gez. VPliska
Eingabe von Vladimír Plíška an den „Volksgerichtshof” vom 11. April 1943
Bundesarchiv R 3001/147001
Bescheid über die Hinrichtung von Vladimír Plíška und weiteren Personen an den Reichsjustizminister, 22. Mai 1943
Bundesarchiv R 3001/147001
Hochzeitsfoto von Vladimír Plíška und Věra Linková, Herbst 1933
Privatbesitz Vladimir Pliska jun.



































