Friedrich Riemann

7. Oktober 1896, Essen – 7. September 1943
Friedrich Riemann

Erkennungsdienstliches Foto von Friedrich Riemann

Brandenburgisches Landeshauptarchiv Rep 12 C Berlin II, Nr. 1284

Friedrich Riemann nimmt nach dem Besuch des Gym­nasiums am Ersten Weltkrieg teil und will Pianist werden. Er erkrankt jedoch schwer und gerät nach dem Tod der Eltern in eine schwierige Situation. Nach mehreren Suizidversuchen kann er mit Hilfe seiner Schwestern 1930 in den Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal bei Berlin unterkommen, wo er ab 1932 im Personalbüro tätig ist.
Seit den 1920er Jahren unterhält er intime Beziehungen zu Männern und pflegt auch in Lobetal enge Freund­schaften zu anderen Bewohnern. Nach einer Denun­ziation kommt es ab Oktober 1942 zu umfang­reichen Ermittlungen durch das Homosexuellenreferat der Ber­liner Kriminalpolizei, in deren Rahmen auch Friedrich Riemann festgenommen wird. In den folgenden Monaten werden mehr als 30 Männer verurteilt.
Der Generalstaatsanwalt beim Landgericht Berlin erhebt im April 1943 Anklage gegen Friedrich Riemann, Hans Heinrich Festersen, Fritz Lemme und Ernst Hirning. Obwohl bei ihnen von einer verminderten Schuldfähig­keit ausgegangen wird und sie nicht vorbestraft sind, werden die vier Männer am 13. Juli 1943 vom Sonderge­richt V beim Landgericht Berlin wegen „widernatürlicher Unzucht” als „gefährliche Gewohnheitsverbrecher” zum Tode verurteilt.
Die Gnadengesuche von Friedrich Riemann und seinem Anwalt werden abgelehnt. Auch der Einsatz des Leiters der Hoffnungstaler Anstalten, Pfarrer Paul Gerhard Braune, kann eine Hinrichtung nicht verhindern.
Friedrich Riemann, Hans Heinrich Festersen, Fritz Lemme und Ernst Hirning werden während der sogenannten Blutnächte am 7. September 1943 im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee ermordet.

Dokumente

Gefangenenkarte von Friedrich Riemann

Landesarchiv Berlin A Rep. 369 Kartei

Anschreiben zur Anklage gegen Friedrich Riemann, Ernst Hirning, Fritz Lemme sowie Hans Heinrich Festersen, 27. Mai 1943

Brandenburgisches Landeshauptarchiv Rep 12 C Berlin II, Nr. 1284

An den Herrn Generalstaatsanwalt
in _____Berlin-Moabit._____
Turmstr. 91.

Gnadengesuch!
Darf ich Herrn Generalstaatsanwalt wohl bitten, meinen Fall noch einmal durchgehen und prüfen zu wollen. Ich bin doch noch nicht bestraft, und doch hat mich gleich das härteste Schicksal getroffen. Ich vergaß einen Zeugen anzugeben aus Lobetal. Mit ihm sprach ich öfters über meine Angelegenheit; ich fragte ihn, ich müsse unbedingt von der ganzen Geschichte loskommen, denn ich merkte wohl, daß dieses verirrte Gefühlsleben wie ein dumpfer Druck auf mir lag. - Warum gleich so furchtbar hart, nun man gibt doch jedem Menschen, der einmal einen Fehltritt begangen, Gelegenheit, sich zu bewähren. Genau zehn Jahre habe ich im Lobetaler Aufnahmebüro (Personalbüro) gearbeitet; ich habe dort in jeder Beziehung meine Pflicht und Schuldigkeit getan. Der Hausvater Striedieck kann Ihnen dies nur bestätigen. Ich muß ja wohl gestehen, daß ich die älteren Männer sehr gern hatte, darum kam es mir garnicht so recht zum Bewußtsein, daß ich etwas Unrechtes tat. Aber nun weiß ich ja
Bescheid

Bescheid, denn mit Absicht verbrennt man sich nicht noch einmal seine Finger. Das Geschlechtliche ist mir bei den Männern auch nie die Hauptsache gewesen, dies wäre ja sehr traurig. Es stimmt schon, draußen im Leben vermag ich keinen vollen Posten mehr auszufüllen, aber die Bürostellung im Kleinen im Lobetaler Büro fülle ich noch ganz aus. Warum will man mich da gleich verdammen und den Stab über mir brechen; nur weil man glaubt, ich fiele in den alten Fehler zurück. Meine Schwester sorgt doch für mich weiter in Lobetal, so meine ich, falle ich doch dem Staat nicht zur Last. Ich bitte daher Herrn Generalstaatsanwalt freundlichst, mir noch einmal mein Leben zu schenken - und es mit mir zu versuchen. Ich weiß, es kommt ja im Leben immer auf Selbstbeherrschung an, in meinem Fall besonders und da ich dies nun erkannt habe, ist es nicht zu schwer, diesen Fehler zu überwinden. Und noch um eins bitte ich: meiner Schwester dieses Furchtbare nicht anzutun, jahrelang hat sie sich für mich aufgeopfert, und nun soll ich so ein schreckliches Ende nehmen. Wohl trage ich eine große Schuld, aber nicht durch meine große Gutmütigkeit; denn ich bin oft mit Menschen zusammen gekommen, die nicht zu mir paßten, anstatt sie nun gleich von mir zu reißen, fand ich nicht die rechte Kraft, mich von ihnen zu lösen, dies war mein Hauptfehler, so wurde ich immer mehr in diese böse Sache verstrickt. - Man soll mich in meiner Freizeit bei meinen Büchern lassen, dann ist mir geholfen, und alles andere, was mich bedrängt, vergessen! Erfüllen Sie meine große Bitte, und Sie werden sehen, wie ich mich weiterhin benehme, - ich will es Ihnen immer danken! - gez. Friedrich Riemann.

Gnadengesuch von Friedrich Riemann, 17. Juli 1943

Brandenburgisches Landeshauptarchiv Rep 12 C Berlin II, Nr. 1280/2

Gnadengesuch des Leiters der Hoffnungstaler Anstalten für Friedrich Riemann, 17. August 1943

Brandenburgisches Landeshauptarchiv Rep 12 C Berlin II, Nr. 1280/2

Sterbeurkunde von Friedrich Riemann vom 9. September 1943

Ancestry, Archiv zur Ahnenforschung

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