Walter Rietig

4. November 1906, Breslau (Wrocław) – 22. Dezember 1942
Walter Rietig

Erkennungsdienstliche Aufnahme von Walter Rietig, 1942

Bundesarchiv R 3017/5876

Walter Rietig erlernt nach dem Schulab­schluss das Klempner­Mhandwerk und gehört zwischen 1926 und 1928 in seiner Heimat­stadt Breslau der Sozialis­tischen Arbeiter-Jugend (SAJ) an. Ab 1929 lebt er in Rüssels­heim und ist bis zu deren Verbot 1933 Mitglied bei den „Natur­freunden”.
Ab 1934 arbeitet Walter Rietig in den Opel-Werken in seinem Beruf als Klempner. Er ist verheiratet und Vater eines Sohnes. Im Mai 1942 wird er in die Werk­abteilung versetzt und bald darauf, am 13. Juli 1942, wegen regime­kritischer Äußerungen gegenüber seinen Kollegen festge­nommen.
Walter Rietig, der bis zuletzt die ihm zu Last gelegten Äußerungen bestreitet, wird am 26. Oktober 1942 vom 2. Senat des „Volks­gerichtshofs” wegen „landesver­räterischer Begünstigung des Feindes in Verbindung mit Vorbe­reitung zum Hochverrat” zum Tode verurteilt.
Nachdem sein Antrag auf Wieder­aufnahme des Verfahrens abgelehnt worden ist, wird er am 22. Dezem­ber 1942 im Straf­gefängnis Berlin-Plötzensee ermordet.

Dokumente

Gefangenenkarte von Walter Rietig

Landesarchiv Berlin A Rep. 369, Kartei

Urteil des „Volksgerichtshofs” gegen Walter Rietig, 26. Oktober 1942

Bundesarchiv R 3017/5876

Walter Rietig , den 27. Oktober 1942


Meine liebe Frau mein lieber Bub!
Liebe Frau ich kann es kaum fassen aber es ist so, man hat gegen mich eine Schuld ausgesprochen die ich niemals begangen habe. Die Zeugen haben Ihre Aussagen beschworen und dagegen bin ich machtlos. Das Urteil wirst Du ja von Herrn Neuschäffer erfahren haben. Habe Herrn Neuschäffer gebeten ein Gnadengesuch für mich einzureichen bitte teile es mir sofort mit ob Er es tat damit ich beruhigt sein kann. Liebe Frau kannst Du mir noch glauben und Vertrauen? bitte schreibe es mir, bin ich ein schlechter Mensch? habe ich jemals Absicht gehabt gegen den heutigen Staat irgend etwas zu unternehmen? nein! es kann doch nicht sein daß ich einen solch unehrenvollen Tod sterben soll. War unser Familienleben denn nicht glücklich, ich habe ein arbeitsreiches Leben hinter mir um ½ 4 Uhr morgens war meine Schlafenszeit um dann fuhr ich zur Arbeitsstelle

und als ich abends ¾ 8 Uhr nachhause kam hatte ich im Sommer immer noch bis etwa 11 Uhr abends zu tun. Sonnabendsnachmittags und Sonntags arbeitete ich im Feld ich habe gegraben gehackt gepflanzt u. gesät in der Nachbarschaft gab es manches zu tun wo die Männer u. Söhne im Felde sind ich habe gearbeiett so gut ich konnte, ich war kein Freund davon mich in den Wirtschaften herum zu drücken die einzige Ablenkung die wir uns gönnten war jeden Sonnabend einmal in’s Kino. Liebe Frau wenn mir die Möglichkeit gegeben würde zu beweisen daß´ich daß Vertrauen für den Nationalsozialistischen Staat besitze ich würde daß jederzeit unter Beweis stellen und würde von diesem Grundsatz keinen Millimeter abweichen. Wäre es nicht ehrenvoller ein Deutscher Soldat zu sein und mitzukämpfen für den Sieg unserer Nation. Bin ich doch auch ein Deutscher meine Eltern waren Deutsche ich bin in Deutschland geboren und wohne in Deutschland und muß ja schließlich auch Deutsch denken handeln und fühlen. Daß Schicksal unserer Nation ist ja auch mein

Schicksal. Es ist noch zehnmal besser ein solcher Krieg als wie ein ganzes Volk in ewiger Unterdrückung und Knechtschaft von unseren Feinden die unserer Nation daß Recht und den Platz an der Sonne streitig machen wollen. Die Erde ist groß und rund und bringt genug hervor daß alle leben können es ist nicht einerlei daß andere Länder u. Meere beherrschen und träge auf Ihrem Besitz dahin leben Wir als die Habenichtse haben auch daß Recht zum Leben wir müssen es uns eben erkämpfen. Liebe Frau mache Dir keine unnötigen Sorgen, im Vertrauen auf den Nat. Staat weiß ich daß mein Gnadengesuch angenommen wird, giebt man mir die Möglichkeit dieses Vertrauen zu rechtfertigen ich werde es tun denn der Nat. Staat läß niemanden umkommen der den Willen zeigt sich jederzeit dafür einzusetzen. War auf der Reise nach Berlin fast 14 Tage unterwegs da wir in Transportwagen im Personenzug befördert wurden und in größeren Städten einige Tage lieben bleiben mußten. Habe von Dienstagabend bis Montagfrüh im Polizeigefängniss Frankfurt Hammelsgasse gelegen

wenn ich gewußt hätte daß wir solange dort liegen würden hätte ich Dir geschrieben. Du hättest mir meinen Pullover und Werktags grauen Mantel u. Hut bringen können habe unterwegs viel gefroren. Wie geht es meinem lieben Bub ebenso Vater. Mein lieber Bub solltest Du auf eine solche Weise deinen Papa verlieren es wäre nicht auszudenken. Mein lieber Bub ob und wann werde ich Dich einmal wieder sehen? Mein lieber Bub Du warst mein Stolz mein Glück warum sollte ich an diesem Vaterglück nicht teilnehmen können. Heute wurden wir von Berlin Alt Moabit nach der Haftanstalt Berlin Plötzensee übergesiedelt u. richte Deine Anschriften nach hier. Nachdem ich gerade bis hierher geschrieben hatte erhielt ich Deinen lb. Brief vom 11.10.42 ich danke Dir hierfür. Hattest Du in der Haftanstalt Darmstadt einmal meinen Rasierkasten geholt da er nicht mehr vorhanden war, ebenso daß Paket mit den übrigen Sachen daß ich Dir durch eine Karte mitteilte. Lasse Dir von Cristian Herth meinen blauen Arbeitsanzug sowie Spindschloss ebenso daß Schloß vom Werkzeugkasten Schlüssel hierzu hat Meister Peters im Werkzeugkasten ist noch Seifenpulver mitbringen. Schreibe mir alsbald Bescheid vom Rechtsanwalt. Viele herzliche Grüße u. Küsse an meine liebe Frau u. Sohn Gerhard ebenso herzliche Grüße an Vater u. alle anderen

Haftbrief von Walter Rietig, 27. Oktober 1942

Bundesarchiv R 3017/5876

Ablehnung eines Wiederaufnahmeantrages von Walter Rietig, 22. Dezember 1942

Bundesarchiv R 3017/5876

Bekanntmachung der Hinrichtung von Walter Rietig, 22. Dezember 1942

Bundesarchiv R 3017/5876

zurück